Rezension über das Buch:
Renate Schernus (Hg.): Von einem Schmerz getroffen, fiel ich bis zu den Sternen –
Aus den Tagebüchern von Sibylle Prins. Köln, Paranus im Psychiatrie Verlag, 2025, 232 Seiten
Erschienen in: Sozialpsychiatrische Informationen, Heft 1/2026
Die heimliche Hoffnung auf Indiskretion
„Wir sind weit miteinander gegangen“ nannten Sibylle Prins und Renate Schernus ihr Buch, das sie mit Fritz Bremer 2009 herausbrachten. Renate Schernus ist den Weg mit Sibylle Prins über deren Tod hinaus in einer besonders intensiven Weise weitergegangen und hat jetzt ihre Tagebücher gesichtet, komprimiert und – mit wichtigen Informationen und tollen Zwischenüberschriften ergänzt – in einem fulminanten Buch zusammengestellt. Diese editorische Leistung kann nicht hoch genug gewürdigt werden.
Die Herausgeberin schreibt in ihrer Einführung: „Sibylle Prins wurde 60 Jahre alt. Sie verstarb am 14. Juli 2019 an einem Lungenkarzinom. Ihre Tagebücher vermachte sie vor ihrem Tod dem Psychiatrie Verlag. Ein Eintrag aus 2015 lautet: 'Tagebücher können von anderen gefunden und gelesen werden. Schreibt man sie nicht sogar deshalb, in der heimlichen Hoffnung, dass jemand eine Indiskretion begeht?' So gesehen könnte diese Veröffentlichung als eine erlaubte Indiskretion verstanden werden. Und natürlich ist sie mit dem entsprechenden Respekt zu behandeln.“ (7)
Das in ihren Tagebüchern dokumentierte Erwachsenenleben von Sibylle Prins lässt sich in drei große Abschnitte unterteilen:
1. Studium mit unglücklicher Liebe, Psychosen, Psychiatrie und spröde Verwaltungsjobs, in denen sie sich nicht wohlfühlt.
2. „Jetzt endlich lebe ich richtig“ (der Titel ihres zweiten Buches) mit eigenen Büchern, Arbeit in der Psychiatrie-Erfahrenen-Bewegung, Reisetätigkeit für Vorträge, Seminare und Kongresse.
3. frei nach einem Zitat: „Was möchte ich noch tun, bevor ich sterbe?“
Für Sibylle Prins war das Schreiben existentiell: „Vielleicht braucht man das Tagebuchschreiben als Verankerung und Zentrumspunkt, wenn man breit und differenziert leben will, um nicht auseinander zu wuchern.“ (21)
In ihren privaten Aufzeichnungen ringt sie immer wieder um treffende Formulierungen ihrer inneren Zerrissenheit und Selbstzweifel. Die folgenden Stichworten fassen das Spektrum zusammen: Von Anerkennungsmangel, Anstrengung, Angst und anhaltender Ambivalenz über Schmerz, Selbstakzeptanz/Selbstabwertung und Sehnsucht nach Struktur bis Zagen, Zaudern und Zwiespalt. Und immer wieder wilde Wut!
„19.3.1993 Ich platze fast vor Wut und Bitterkeit, diese ewigen selbst ernannten Missionare, die es selbst auch alle nicht geregelt kriegen. Die wollen mir in meiner Depression helfen, aber ich bin in Wirklichkeit nur stocksauer, soll dabei noch friedlich bleiben, weil, so sagt man mir immer, ich ja so weichherzig bin. Ich bin gar kein so sozialer Typ, nur ich hasse es, andere Leute zu missionieren und zu erziehen, werde dadurch aber anscheinend zu einem brauchbaren Opfer für alle anderen.“ (78)
Es sind niedergeschriebene permanente Pendelbewegungen zwischen Sinn-, Selbst- und Glückssuche – dem „Eigentlichen“, wie sie sagt – einerseits und dem tiefen Bedürfnis, endlich „eine ruhige Minute zu haben“ (100), andererseits.
„19.1.1995 Ich falle zwischen alle Stühle. Für die psychiatrische Rehabilitation bin ich zu gesund, für den normalen Wettbewerb zu krank, im sozialen Bereich darf ich auch nicht mehr arbeiten. Ich suche für mich einen Platz, an den ich hinpasse. Je älter ich werde, desto konfuser werden meine Gedanken.“ (91)
„27.6.1995 Fürchte mich ganz schrecklich. Natürlich kann man mal wieder Gott anbetteln. Aber ach, ob man ihn anflucht oder anfleht, er schickt weder Blitz noch Wunder. Das ist nur in der Psychose so. Ansonsten muss man alles selbst tun.“ (96)
Immer wieder die zehrenden Fragen in Bezug auf Alltagsbewältigung und ihre persönliche Zukunft und Lebenszufriedenheit. Der Eintrag am Neujahrstag 1998 klingt selbstironisch, ist aber schon bereits visionär: „Soll ich Gelehrte werden oder Köchin, Schriftstellerin oder Berufspsychotikerin, soll ich armen Socken in ihren Problemen beistehen oder endlich lernen, meinen eigenen Dreck besser wegzumachen?“ (113)
„20.12.1997 Wie ein Magnet scheine ich auf manche ganz benachteiligte Menschen zu wirken (die wollen mich fast heiraten), was nicht immer angenehm ist. Für die 'Normalen' oder gar Erfolgreichen bin ich dagegen ein Objekt der Verachtung. Nirgendwo gehöre ich richtig dazu – so muss ich halt den Platz zwischen den Welten kreativ ausfüllen.“ (112)
Dieses kreative Ausfüllen gelingt ihr 2001 mit ihrer ersten Buchveröffentlichung, den in der Szene populär gewordenen „Wortmeldungen“ zu virulenten Psychiatriethemen.
Und sie schreibt im Rückblick auf das Jahr am 26. Dezember 2001: „Manchmal denke ich, ich könnte jetzt sterben: Ich habe geliebt. Ich war in Paris. Ich bin mit der Schizophrenie fertig geworden. Ich habe ein Buch geschrieben. Habe ich nicht alles getan, was es zu tun gab? Was wird meine restliche Aufgabe sein? Mich mit der Langeweile und der Banalität auszusöhnen? Immer noch betrachte ich das Leben als Aufgabe. Andere sehen es als Geschenk.“ (128)
Ein halbes Jahr später: „13.6.2002 Die beiden letzten Psychosen sehe ich als Aufforderung, mein Leben zu ändern.“ (130) Sibylle Prins beschließt, – nach zwölf langen Jahren in für sie eintönigen Berufen – nun doch die Rente zu beantragen.
Und am „6.9.2002 Mir wird langsam klar: Zumindest für jetzt, für ein begnadeten Zeitraum, bin ich in dem Leben gelandet, welches ich mir gewünscht habe. Und der Schmerz-Klumpen verwandelt sich in Freude.“ (134)
Kein halbes Jahr später wechselt sie jedoch – trotz aller Erfolge – erneut auf die Seite des Zweifelns: „1.2.2003 Inzwischen ist mir die ganze Anerkennung und das Lob, das mir entgegengebracht wird, suspekt. Ich weiß noch genau, wie Menschen auf mich reagieren, wenn ich schlaff, depressiv, ein Niemand bin. Und wer in solchen Zeiten für mich da ist.“ (137)
Aber sie ermutigt sich auch immer wieder selbst: „11.8.2003 Ich versuche also, damit aufzuhören, mir selbst beschissene Gefühle zu machen.“ (142)
Denn: „Heiligabend 2003 Es wird, unauslöschlich, nun eine Zeit in meinem Leben zu verzeichnen sein, in der ich so leben konnte, wie ich es mir wünschte, in der ich meine Anlagen entfalten konnte, in der ich die sein durfte, die ich im innersten Herzen sein wollte, in der mein Leben Sinn hatte.“ (147)
Sibylle Prins ist fortan viel gereist, durch Deutschland und ins europäische Ausland, zu Lesungen, Fortbildungen und Vorträgen, zahlreiche ihrer Tagebucheinträge entstehen in Zügen und Cafés.
Sie stellt weiterhin viele Fragen an sich selbst, an ihre Mitmenschen und die Gesellschaft. Und: „Ich führe ein sehr singuläres, erklärungsbedürftiges Leben. (…) Mein eigentliches Problem ist nicht die Psychose oder die Psychiatrie, sondern das Gefangensein in mir selbst. Dabei wüsste ich doch, was ich zu tun habe.“ (185)
Bei allen Selbstzweifeln und eindrücklich dokumentierten dialektischen Ambivalenzen findet sich auch immer wieder der besondere Prins'sche Klartext. So schreibt sie bereits Mitte 2005 in ihr Tagebuch: „Eines Tages sterben wir und von der ganzen (Selbst-)Herrlichkeit bleibt nur ein Häufchen Moder übrig. Und: Wir vergessen die Toten ja schnellstmöglich. Das ist das eigentlich Peinigenden am Tod, dass man keineswegs im Herzen/Gedächtnis der anderen fortleben wird.“ (167)
Renate Schernus hat mit diesem Buch dafür gesorgt, dass dies bei ihrer Wegbegleiterin, mit der sie weit gegangen ist, anders ist. Sibylle Prins hat den Menschen, die sie kannten, viel Wertvolles hinterlassen. Dem Rezensenten wird sie bis zu seinem eigenen Tod im Herzen bleiben.
Hartwig Hansen, Hamburg
Diese Webseite wurde mit Jimdo Creator erstellt! Jetzt kostenlos registrieren auf https://de.jimdo.com