Rezension zum Buch von
Piet C. Kuiper: Seelenfinsternis – Die Depression eines Psychiaters. Frankfurt,
S. Fischer Verlag, 1991, 256 Seiten

 

Seelenfinsternis

 

"Piet, es gibt nichts Schrecklicheres, als mit einem eingebildeten Himmel im Herzen in die Hölle zu kommen, voller Erwartung und doch für immer verloren."

Piet C. Kuiper erinnert sich an diesen Satz seiner Mutter. Er hat sich in eine psychiatrische Klinik aufnehmen lassen, um der Hölle seiner schweren Depression zu entkommen.

Das Buch über seine qualvollen Erfahrungen weist Magarete Mitscherlich auf dem Klappentext zu Recht als "einmaliges Dokument" aus.

Die Inhaltsangabe gibt der international bekannte Psychiater und Psychoanalytiker selbst: "Dozent der Psychiatrie schreibt Lehrbuch, rät mit Nachdruck von einem Medikament ab, leidet später selbst an einer Depression und wird gesund, als ihm dieses Medikament verabreicht wird."

"Ich hatte Angst davor, Sie, ‘einen Psychiater mit so großem Namen und so großer Autorität, behandeln zu müssen." zitiert Kuiper seinen ihn erfolgreich behandelnden Kollegen und fährt fort: "Ich sagte ihm, dass ich zwischen zwei Überzeugungen schwankte: Einerseits glaubte ich, ich sei dement und könne darum allerlei Gedanken, die mir in den Sinn kämen, nicht korrigieren, und andererseits war ich überzeugt, ich sei in der Hölle, die ich verdient hätte."

"Die beiden Systeme ließen sich gut miteinander verbinden, denn durch das eine konnte ich das andere begreiflich machen. Demente Menschen leiden ja zu Beginn oft an einer Depression. Ich war offenbar so depressiv, dass ich glaubte, Strafe, selbst ewige Strafe, verdient zu haben, und ich wusste sehr genau, für welche Vergehen und Unterlassungen. Der Glaube, in der Hölle zu sein, passt in den Rahmen der Depression. Aber meist ordnete ich die Dinge so: Es gehört zu den Höllenqualen, in manchen Augenblicken zu glauben, dass Du nicht in der Hölle bist. Auch dieser Gedanke ist ein Teil der Hölle."

 

So anschaulich und nachvollziehbar schildert Kuiper das Labyrinth seiner Gedankenmarter und die Veränderungen seiner Wahrnehmung. Später wird er über die Veränderungen seiner Psychiatersicht schreiben: "Während meines Klinikaufenthaltes und danach hatte ich keine psychiatrische Diagnose mehr zu stellen vermocht. Ich erkannte so wenig wie ein Laie auf diesem Gebiet, "was meine Mitpatienten hatten", um es salopp zu sagen. Nun hatte ich wieder den Blick des Psychiaters, aber mit viel größerer emotionaler Anteilnahme als früher."

 

Soll man nun jedem psychiatrisch Tätigen das Leid einer solchen Erfahrung wünschen? Wohl kaum. Die Lektüre der "Seelenfinsternis" könnte aber das Ziel der größeren emotionalen Anteilnahme auch schon erreichen, denn: "Wenn man depressiv, ja psychotisch ist, bedeutet es dann etwas, wie andere einem begegnen? Mir alles. Jede Kränkung führte zu einem Anfall von Panik. Freundlichkeit beruhigte mich wenigstens ein wenig, wenn auch nur für kurze Zeit."

 

"Selbst im dunkelsten Stadium meiner Psychose registrierte ich es doch genau, wenn Frau, Tochter, Freunde und Pflegepersonal wirklich Anteilnahme zeigten, und für Augenblicke dämmerte dann die Erkenntnis: Echte Anteilnahme kann es in der Hölle gar nicht geben?"

Das Bewegende an diesem Buch ist neben der eindringlichen Schilderung der Krankheit das Gelingen der Befreiung aus ihr. Dazu hatte ich beim Lesen immer den Satz eines Freundes vor Augen: "Man kann die, die wirklich depressiv sind, nicht aus ihren Löchern prügeln, man kann sich nur zu ihnen setzen und dableiben."

Kuiper bedankt sich in ergreifenden Worten bei allen, die bei ihm geblieben sind, und weiß gleichzeitig, dass nicht allen in seiner Situation dieses Glück widerfährt.

 

Was für einer Beharrlichkeit der Zuneigung bedarf es, um so rasende Selbstzweifel eines Kranken wieder aufzulösen, der auf die Frage des Arztes nach einem Wunsch nur sagt: "Eine halbe Stunde mit meiner Frau, um möglichst viel wiedergutzumachen." – "Aber sie sitzt doch hier", sagte der Arzt. "Nein, das ist nicht meine Frau."

Kuiper ist es mit der Hilfe vieler anderer nicht nur gelungen, diesen (im wahrsten Sinne) Teufelskreis zu knacken, sondern ihn danach auch noch präzise und ergreifend zu dokumentieren. Ein doppelter Kampf. Beide schließt er mit den Worten ab: "... dass das Leben trotz allen furchtbaren Elends doch wert ist, gelebt zu werden."

Und so wusste ich beim Lesen, dass eine Satz aus dem Kapitel "Im tieftsen Abgrund" am Schluss meiner Rezension stehen würde: "Wie eine lebendige Leiche saß ich am gut gedeckten Frühstückstisch. Es erstaunte mich, dass für andere das Leben einfach weiterging."

So geht es mir immer nach der Lektüre eines mir wichtig gewordenen Buches.

Mein Leben geht jetzt anders weiter.

 

Hartwig Hansen

Die Rezension erschien in der taz – Die tageszeitung, 25. Oktober 1991, Seite 16

 

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